Rüstungsunternehmen tauchen selbst in streng gemanagten Nachhaltigkeitsfonds auf. Das ergaben drei Stichproben, die wir im ersten Halbjahr diesen Jahres durchführten. Die gute Nachricht ist: Seriöse Anbieter nehmen Hinweise ernst und ziehen daraus Konsequenzen. Sowohl Investierende als auch Beratungskräfte können durch kritische Interventionen dazu beizutragen, dass die Nachhaltigkeitsansprüche von Kapitalanlagen eingehalten werden. Unsere Beispiele zeigen, wie Dialog gegen Rüstung wirkt.
EU weicht Rüstungsrichtlinien auf
Seit Mai 2024 erlaubt die europäische Wertpapieraufsicht ESMA Fonds mit Nachhaltigkeitslabel, bis zu 20 ihres Kapitals ohne Nachhaltigkeitsbeschränkungen zu investieren. Das schließt explizit auch den Kauf von Rüstungs- und Verteidigungswerten ein (Ausnahme: geächtete Waffensysteme).
Zwischen den zentralen Regulierungssystemen EU-Taxonomieverordnung (zuständig für die Definition von Nachhaltigkeit bei Finanzprodukten) und EU-Offenlegungsverordnung (SFDR) gibt es hier Widersprüche. Während die EU-Taxonomie die Rüstungsindustrie als nicht nachhaltig einstuft, lässt die SFDR Rüstungsinvestitionen zu. Dies hat den Fondsanbietern weiten Interpretationsspielraum eröffnet.
Wie gehen Produktanbieter damit um?
Allianz und DWS haben sehr schnell die neuen Möglichkeiten aufgegriffen und Rüstungstitel in ihre Artikel 8 – ESG-Fonds aufgenommen. Ein Großteil der Marktteilnehmer äußerte sich eher zurückhaltend. Laut Morningstar haben aktive europäische ESG-Aktienfonds ihr Engagement im Verteidigungssektor seit 2022 verdreifacht. Rund 43 % der europäischen ESG-Aktienfonds halten mittlerweile Rüstungstitel. Das hat den Unterschied zu konventionellen Fonds (56 %) deutlich schrumpfen lassen.
In den meisten „nachhaltigen“ Indexfonds waren Rüstungstitel immer schon Teil des Portfolios. Beim iShares MSCI World ESG Enhanced ETF (ISIN: IE000R3K9FF7) listet das Portal Facing Finance aktuell mehr als 30 Rüstungstitel. Über 220 Mio Euro (3,6 %) dieses Fonds fließen also in Aktien von Rüstungsunternehmen.
Das Forum Nachhaltige Entwicklung (FNH) kam in seinem letzten Marktbericht zum Ergebnis, dass Waffen/als Ausschlusskriterium auch bei nachhaltigen Anlagestrategien an Bedeutung verliert.

Wirksame Interventionen
Umso bedeutungsvoller wird das aktive Engagement derjenigen, die diese Produkte erwerben oder vermitteln. Da wir als Unternehmen insgesamt einen strengen Nachhaltigkeitsansatz verfolgen, interessiert uns natürlich nicht nur, wie die Anbieter mit dem Thema umgehen. Darüber hinaus versuchen wir in einen Dialog mit Produktgebern zu treten, wenn uns Inkonsistenzen auffallen. Konkret haben wir im laufenden Jahr in drei Fällen interveniert. In zwei Fällen zogen die Anbieter Konsequenzen. In einem Fall haben wir Mandanten die Entfernung aus dem Portfolio empfohlen, weil der Anbieter auf unsere Kritik nicht reagiert hat.
Fallbeispiele
Der erste Fall betraf den defensiven nachhaltigen Mischfonds ODDO BHF Polaris Moderate (ISIN: DE000A2JJ1W5). Wie wir bei der Prüfung des jährlichen Anlageberichtes vom Dezember 2025 feststellten, hatte der Fonds im Vergleich zum Halbjahresbericht Anteile am Rüstungsunternehmen Rheinmetall aufgenommen. Wir haben dies gegenüber der Kapitalanlagegesellschaft umgehend beanstandet, erhielten aber auf unser Schreiben keine Antwort, weshalb wir ab dem zweiten Quartal 2026 allen Mandanten, welche Anteile des Fonds in ihren Portfolios hielten, empfahlen, diese abzustoßen. Die meisten reagierten positiv darauf.
Im zweiten Fall erfolgte die Überprüfung aus Anlass eines Werbeschreibens durch die Kapitalanlagegesellschaft, welches wir per E-Mail erhielten. Dies betraf den impactorientierten (Artikel-9-)Fonds Green Tech ESG Equity (ISIN: LI0566543893). Hier bemängelten wir gegenüber dem Anbieter einige aus unserer Sicht kritische Large CAP Unternehmen (u.a. Microsoft) – vor allem aber das Rüstungsunternehmen Eaton, welches auf der Arms Exporters Exit List von Facing Finance steht. Die Rückmeldung von Daniel Brühwiler, dem CEO der Kapitalanlagegesellschaft Global Strategic Capital AG, kam erstaunlich schnell und war erfreulich positiv und verbindlich: Man nahm die Kritik ernst überprüfte den Titel und kam zu dem Schluss, dass dieser Titel tatsächlich als nicht vertretbar eingestuft wurde. Er wurde zum Ende des zweiten Quartals aus dem Portfolio entfernt.
Der dritte Fall war für uns eine besondere Überraschung, weil er einen nachhaltigen Vorzeigefonds der GLS Bank betraf, den GLS Bank Aktienfonds (ISIN: DE000A1W2CK8). Hier erfolgte die Prüfung im Rahmen einer Mandatierung für eine neue Portfolio-Konstruktion. Das negative Ergebnis veranlasste uns, den Fonds aus der Vorauswahl wieder herauszunehmen. Es ging um das japanischen Robotik-Unternehmen FANUC, das nicht nur auf der genannten Exit-Liste steht sondern seit Juni 2025 auf dem Index von Genozid-Profiteuren des UN-Menschenrechts-Rates.
Hintergrund ist die dokumentierte Kooperation von FANUC Corp. mit dem israelischen Rüstungsunternehmen Elbit Systems. Auch die GLS Investment Management GmbH reagierte auf den Hinweis zeitnah. Dort lagen demnach keine Informationen über Umsätze des Unternehmens im Rüstungsbereich vor, man nehme den Hinweis auf die Exit Arms Database jedoch sehr ernst und habe umgehend eine vertiefende Analyse eingeleitet. Der Anlageausschuss entscheide spätestens im September über das weitere Vorgehen.
Fazit
Alle drei Produkte waren durch die Ratingagentur ISS mit höchster Nachhaltigkeitsbewertung (5 Sterne) ausgezeichnet. Der Fonds der GLS Bank erhielt zusätzlich die Bestbewertung im Rahmen der FNG-Siegelvergabe 2026. Drei wesentliche Erkenntnisse haben wir aus diesen Fällen mitgenommen:
1. Weder die Einstufung nach EU-Richtlinien, Ratings oder Siegel noch das allgemeine Renommee eines Anbieters sind eine Garantie für eine „saubere“ Anlage. Es ist deshalb wichtig, die Portfolios von Nachhaltigkeitsfonds immer wieder zumindest stichprobenweise zu überprüfen.
2. Die zeitnahe Reaktion auf berechtigte Kritik ist ein gutes Indiz, dass die Fehlerkorrektur funktioniert und das Thema wirklich ernst genommen wird.
3. Kritische Interventionen zeigen Wirkung. Zumindest in zwei Fällen hat unsere Intervention dazu beigetragen, dass der Sachverhalt geprüft wurde. In einem Fall erfolgte einer zeitnahe Entfernung des kritischen Titels aus dem Portfolio durch den Anbieter. Als letztes Mittel bleibt die Entfernung entsprechender Fonds aus dem Portfolio.
Nachtrag
Der ebenfalls durch den GLS-Anlageausschuss betreute B.A.U.M. Fair Future Fonds ist laut Anlagebericht vom 31.03.2026 mit mehr als 2% des Fondsvolumen bzw. knapp 3 Mio Euro in das japanische Robotikunternehmen Fanuc Corp. investiert. Laut Aussage von GLS Investment war das Unternehmen nach der Recherche und Bewertung durch die Green Growth Futura GmbH 2018 ins investierbare Universum des Fonds aufgenommen worden.
Entsprechend des Berichtes von Arms Exit war das Unternehmen bereits seit 2017 direkt, über Tochtergesellschaften bzw. Konsortien an Rüstungsexporten nach Israel beteiligt. Es erscheint sehr unwahrscheinlich, dass das verantwortliche Rechercheteam im Laufe von fast 10 Jahren nichts davon mitbekommen hat, zumal zusätzlich in 2025 auch der Bericht der UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese auf die Verwicklung von Fanuc hingewiesen hat.
Besonders brisant ist, dass der Geschäftsführer von Green Growth Futura gleichzeitig auch Vorstandsvorsitzender des Forum Nachhaltige Geldanlagen ist, das sich seit vielen Jahren für strenge Qualitätsstandards von Nachhaltigkeitsfonds einsetzt.
Über die endgültige Entscheidung des Anlageausschusses will die GLS Bank Tochter erst im Dezember – also drei Monate später – informieren. Man wolle „einen möglichen Markteinfluss (…) vermeiden“. Wir empfehlen allen betroffenen Anlegerinnen und Anlegern, nicht so lange zu warten. Aus unserer Sicht ist der Sachverhalt eindeutig. Wir haben dies auch der Kapitalanlagegesellschaft Union Investments kommuniziert.