„Passives“ Investieren ist im Mainstream angekommen und wird nicht nur von Verbraucherschützern, sondern auch von „Finfluencern“ in sozialen Medien beworben. Es sei die einfachste und erfolgversprechendste Möglichkeit in den „breiten Markt“ zu investieren. Rückblickend über die letzten 20-30 Jahre lässt sich das empirisch sogar belegen. Ob das für die Zukunft gilt, darf allerdings bezweifelt werden, denn überbewertete Titel bekommen dort immer größeres Gewicht. Mit SpaceX wurde nun eine neue Runde von Mega-Börsengängen eingeläutet. Bis Ende des Jahres sollen OpenAI und Anthropic folgen. Allen gemeinsam ist, dass sie künstliche Intelligenz als wesentliches Geschäftsfeld begreifen. In absehbarer Zeit könnte der als Standard weltweiter Investments gehandelte MSCI World zu rund 80% aus US-amerikanischen Firmen bestehen. Die Hälfte deren Marktkapitalisierung würde dann von 10 Big-Tech-Unternehmen gestellt. Stupid passive Investment könnte das Schlagwort der Zukunft sein.
Im Schnellgang zum Index
MSCI hatte schon vor Jahren eine fast-entry-Regel zur schnellen Aufnahme hoch bewerteter Unternehmen eingeführt. Wer milliardenschwere Marktkapitalisierung bereits in den ersten beiden Tagen des Börsenhandels erreicht, kommt ohne weitere Bedingungen nach 10 Tagen in den Index. Damit sind diese Unternehmen ein Pflichtinvestment für passive Indexfonds und viele Pensionseinrichtungen.
Weiterer Index-Anbieter folgten. NASDAQ und FTSE Russel senkten die Zugangsfrist ebenfalls auf 5-15 Tage ohne weitere Bedingungen zu stellen. Üblich waren bislang: das Erreichen der Profitabilität, ein Mindestmaß an Streubesitz und deutlich längere Wartefristen bis zu einem Jahr. Diese Mindeststandards dienen nicht zuletzt dem Schutz der Kleinanleger. Sie wurden weitgehend ausgesetzt. Lediglich Standard & Poors hält für den S&P 500 weiter daran fest. Die niedrigen Schwellen dienen offensichtlich dazu, die Finanzierung von Tech Unternehmen zu erleichtern. Gewinner sind diejenigen, die sie ausgebrütet haben und ihre vorbörslichen Beteiligungen beim Börsengang vergolden können.
…und wer sind die Verlierer?
Eines lässt sich bereits jetzt sagen: Passive Anleger, die quasi per ETF zwangsverpflichtet werden, zu überteuerten Kursen Aktien zu kaufen sind die Dummen. Dank des sich verstärkenden Trends zum „passiven“ investieren mit ETFs fließt ohnehin bereits ein Großteil des Geldes der Sparer weltweit in die großen Indizes. Marktkapitalisierung der Unternehmen ist Trumpf. Das Ergebnis ist ein einseitiges, konzentriertes und überbewertetes Portfolio, in dem wenige US-Big-Tech-Unternehmen mit rund 30% schon heute den Ton angeben. Die drei genannten „IPO’s“ (Initial Public Offerings) werden den Anteil noch einmal deutlich erhöhen. Er könnte bald 40 Prozent erreichen.
Ein Warren Buffet zugeschriebenes Sprichwort lautet: „If you don’t know who the patsy at the poker table is — you’re the patsy.“ Zu Deutsch: „Wenn du nicht weißt, wer am Pokertisch der Dumme ist – dann bist du es.“ Das lässt sich ohne Weiteres auf passive Investoren übertragen. Dank der neuen Regeln müssen ETFs die neu aufgenommenen Titel zu Höchstbewertungen einkaufen. Der Medienrummel um die Börsengänge und generell das Thema KI tun ihr Übriges, um das Kursfeuerwerk anzuheizen. „Telekom auf Steroiden“ ist eine plakative aber treffende Beschreibung dieses Vorgangs. Die vorbörslichen Investoren machen Kasse, während Enttäuschungen bei den passiven Investoren bereits vorprogrammiert sind. Finanztip versucht zwar seine Leser damit zur beruhigen, dass zunächst ja nur relativ wenige Aktien im freien Verkehr sind. Der free float-adjustierte Anteil am Index sei deshalb überschaubar. Die Free-float-Orientierung wird jedoch durch Gewichtungsfaktoren aufgeweicht. NASDAQ hat bereits entschieden, den free-float-Faktor künstlich um den Faktor drei zu erhöhen.
Nachhaltigkeit: Fehlanzeige!
Mit soliden Fundamentalanalysen oder nachhaltigen Investitionsentscheidungen hat das Ganze jedenfalls nichts zu tun. Das mussten selbst Investoren feststellen, die sich sonst ausgesprochen wachstumsaffin präsentieren. Spekulative Gigantomanie ist der treibende Faktor. Wesentliche Fragen bleiben ungestellt. Zum Beispiel, welche Konsequenzen es hat, wenn ein einziges Unternehmen, den Orbit um unseren Planeten mit zehntausenden von Satelliten dominiert, die sukzessive in Form von verglühendem Schrott wieder zur Erde zurückkehren werden? Bei einer Lebensdauer von maximal 5 Jahren sind diese Satelliten Ausdruck einer globalen Wegwerfgesellschaft.
Diese Mischung aus globaler Marktbeherrschung und noch weitgehend unklaren ökologischen Konsequenzen sollten sich Anlegerinnen und Anleger, welche Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigen wollen, mindestens vergegenwärtigen. Alleine zwischen 2017 und 2022 wurden bei der Internationalen Telekommunikations Vereinigung (ITU) die Platzierung von rund 1 Million Satelliten angemeldet. Selbst wenn nur ein Teil der Anmeldungen realisiert werden, dürfte der Wettlauf um die besten Plätze zu einer massiven Erhöhung in den nächsten Jahrzehnten führen. Die zunehmende Emission von Rußpartikeln und feinstem Aluminium-Oxid in hohen atmosphärischen Schichten könnten langfristig gravierende Folgen haben. Ein globales Experiment, dem sich – anders als bei Impfkampagnen – niemand mehr entziehen kann.
Feudale Unternehmensstruktur
Auch die Tatsache, dass sich Elon Musk wie bei Tesla den größten Teil der Stimmrechte (85%) bei SpaceX gesichert hat, indem er seinen Anteilen ein zehnmal höheres Stimmrecht zuteilte gehört zu den fragwürdigen Aspekten. Von einer echten Demokratisierung der Investments, von der beispielsweise Larry Fink immer wieder schreibt, ist die Realität weit entfernt.
Zumindest die Tatsache, dass ein Unternehmenskonglomerat, das in 2025 einen Verlust von 4,9 Mrd USD geschrieben hat, und allein im 1. Quartal 2026 weitere 4,3 Mrd verlor, am Tag des Börsengangs mit über 2 Bio USD bewertet wurde, sollte nachdenklich machen. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass bald in riesigem Umfang „dummes“ Geld passiver Investoren – stupid passive investment – verbrannt wird. Die größten Crashs an der Börse folgten immer einer blinden Euphorie. Wer Geld nicht größenwahnsinnigen Experimenten opfern will, sollte jetzt die eigene Anlagestrategie kritisch überprüfen.