Wie lässt sich Das Paradoxon erklären, dass trotz multipler geopolitischer Krisen die Aktienkurse weiterhin von einem Höchststand zum nächsten klettern? Sind die Finanzmärkte resilienter, als wir uns einbilden oder klaffen Schein und Wirklichkeit einfach immer mehr auseinander?
Die Argumente der Optimisten
In optimistischen Erklärungen wird das Paradoxon im Wesentlichen mit folgenden Effekten begründet:
1. Institutionelle Anleger hätten gar keine Alternative, als auch in Krisenzeiten, entsprechende Wertpapiere zu halten. 2. Eine globale Investitionswelle in KI treibt die Erwartungen an künftige Produktivitätsgewinne massiv in die Höhe. 3. Globale Lieferketten haben sich als widerstandsfähig erwiesen. Der wirtschaftliche Schock falle deshalb geringer aus als erwartet. 4. Solche Schocks würden historisch gesehen ohnehin selten nachhaltige Markttrends brechen, sondern nur zu temporären Schwankungen führen.
Die Argumente der Pessimisten
Was auf den ersten Blick plausibel klingt, lässt sich bei genauerer Betrachtung in Zweifel ziehen: 1. Es gibt immer Alternativen. 2. Viele KI-Geschäftsmodelle sind bislang kaum belastbar. Sie bergen zudem zusätzliche disruptive Risiken. 3. Die hohen Energiepreise haben strukturelle Krisen zur Folge, die sich erst später zeigen. 4. Große Kriege können jahrzehntelange Börsenschocks auslösen.
Geldschöpfung und Verdrängungskultur
Zwei Faktoren treiben die Marktentwicklung entscheidend: exzessive Geldschöpfung und kollektive Verdrängungskultur. Im ersten Fall nehmen wir das Problem gar nicht als Problem wahr. Vermögenspreisinflation wird als „Rendite“ interpretiert. Im zweiten Fall blenden „Experten“ die Realität aus, weil sie nicht mit den eigenen Geschäftsinteressen übereinstimmt.
Institutionelle Anleger, deren Karriere und Vergütung an steigenden Vermögenswerten hängen und Staaten deren Steuereinnahmen erheblich an die Umsätze der Finanzbranche gekoppelt sind, haben starke Motive, ein positives „Börsenklima“ aufrechtzuerhalten.
Behavioral Finance als Erklärungsansatz
Hinzu kommen weitere Phänomene, die sich dem Forschungsbereich „Behavioral Finance“ zuordnen lassen: Der „Overconfidence-Effekt“ führt insbesondere bei sogenannten Finanzexperten zu einer Überschätzung ihrer Fähigkeit, Risiken zu erkennen. Die „Herden-Mentalität“ sorgt dafür, dass eigene unabhängige Analysen unterbleiben. Die scheinbare Stabilität der Finanzmärkte ist demnach weniger ein Zeichen von Resilienz, als ein Indikator für fragwürdige Mechanismen, die durch soziale und psychologische Triebkräfte aufrechterhalten werden. Warum Ruhe bewahren dennoch sinnvoll ist, zeigen wir hier.