Kriege, Energieschocks, Insolvenzen, Stagflationssignale – in solchen Stressphasen greifen psychologische Reflexe, die Entscheidungen verzerren und zu Kurzschlusshandlungen verleiten. Wenn wir diese Mechanismen verstehen, können wir auch in turbulenten Zeiten Ruhe bewahren und gleichzeitig achtsam bleiben.
Reflexhafte Impulse
Nach dem gemeinsamen Angriff Israels und der USA auf den Iran und der Beeinträchtigung der Schifffahrt durch die Straße von Hormus reagierten die Märkte sofort. Rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Gashandels waren davon betroffen. Innerhalb weniger Tage sprang der Ölpreis über 100 Dollar je Barrel. Die Aktien-, Renten- und selbst Edelmetalle korrigierten deutlich nach unten. Kaum gab es ein Signal der Entspannung vollzogen sich Korrekturen in entgegengesetzter Richtung, obgleich die Positionen der Kontrahenten keine wirkliche Annäherung erkennen lassen.
In solchen Krisenphasen tritt die nüchterne Analyse in den Hintergrund. Reflexhafte Impulse übernehmen. Entscheidungen werden schneller, emotionaler und leider oft auch schlechter getroffen. Es ist wichtig, sich die Mechanismen deutlich zu machen, die dabei wirken.
Verlustaversion
Verluste werden immer intensiver erlebt als Gewinne. Dieses Phänomen haben Daniel Kahneman und Amos Tversky in diversen Studien verifiziert. Konkret: Ein Minus schmerzt etwa doppelt so stark wie ein gleich hoher Gewinn Freude bereitet. Deswegen verleitet ein Verlust eher zum Handeln als die Aussicht auf Gewinn und treibt nicht selten zu Verkaufsentscheidungen, die eher kontraproduktiv sind.
Herdentrieb
Menschen orientieren sich an anderen. Dieses Phänomen ist eine Überlebensstrategie unserer Vorfahren. Dort war es in der Regel überlebensnotwendig sich an der Herde zu orientieren, um einer Gefahr zu entkommen. An der Börse kann das Aufspringen auf einen Trend jedoch zu einer Falle werden, weil es Übertreibungen in beide Richtungen nach sich zieht, die durch automatisierte Abwicklungen bei entsprechenden Kurssignalen noch verstärkt werden.
Kompensationshandlungen
Eine Realität, der man sich hilflos ausgeliefert fühlt drängt zu kompensatorischen Handlungen. Wir fühlen uns besser, wenn wir handeln, auch wenn die Handlung letztlich keinen Nutzen bringt sondern sogar schädlich ist, als nichts zu tun. Das Handeln selbst wird als Erfolg erlebt, weil es die Unsicherheit kompensieren hilft. Empirisch betrachtet sind solche Kompensationshandlungen jedoch fast immer schädlich für die Entwicklung einer Anlage.
Informationsflut
Noch nie war es so einfach, Märkte zu verfolgen. Kurse, Nachrichten und Prognosen sind jederzeit
und fast überall verfügbar. Doch diese permanente Informationsflut hat eine Kehrseite. Wer
sich ständig damit beschäftigt, nimmt Schwankungen intensiver wahr. Selbst überschaubare
Verluste werden größer wahrgenommen, als sie eigentlich sind. Das verstärkt die o.g. Phänomene zusätzlich ohne wirklichen Zusatznutzen.
Was in der Krise wirklich hilft
Wie bereits beschrieben, gibt es insbesondere zu Beginn einer Stressphase das Phänomen, dass alle Anlageklassen gleichzeitig betroffen sind. Aktien, Anleihen, Edelmetalle usw. bewegen sich dann kurzfristig in dieselbe Richtung, was viele am Wert der Diversifikation der Anlage zweifeln lässt. Dieses Phänomen ist jedoch nur vorübergehend. Zu Beginn einer Krise steigt die Korrelation zwischen Anlageklassen, weil Liquidität für einige Marktteilnehmer – insbesondere am Derivatemarkt – dann das oberste Gebot ist. Mittel- bis langfristig bleibt breite Diversifikation im Portfolio dennoch das wirksamste Instrument zu Bewältigung der Krise.
Der Mythos vom wissenschaftlichen Investieren
Immer wieder können wir in der Fachpresse oder aus Selbstdarstellungen von Investmentstrategen vom „wissenschaftlichen Investieren“ lesen. Insoweit damit gemeint ist, dass man sich eben nicht von den genannten psychologischen Phänomenen treiben lässt, ist das sicherlich ein hilfreicher Ansatz.
Vergessen wir jedoch nicht, dass die „Wissenschaft“, die sich oft hinter diesen Strategien verbirgt nichts anderes ist, als die systematische Extrapolation von Vergangenheitswerten, aus denen vermeintliche „Gesetzmäßigkeiten“ einfach abgeleitet werden. Die Ökonomie ist jedoch kein naturwissenschaftlicher Raum mit ehernen Gesetzen, sondern eher ein Teilbereich komplexer sozialer und politischer Phänomene.
Wir befinden uns in einer geopolitischen und ökologischen Umbruchphase, die präzedenzlos ist. Geopolitisch findet eine Verschiebung von wirtschaftlichen und politischen Machtzentren statt. Was lange als sicherer Hafen galt könnte sich in Zukunft als gefährliches Wasser entpuppen.
Ökologisch stoßen wir immer mehr an die Grenzen des Wachstums und Belastbarkeit der Ökosysteme. Wenn es überhaupt eine wissenschaftlich-mathematische Gewissheit gibt dann die, dass grenzenloses Wachstum in begrenzten Systemen nicht möglich ist. Wir können auf Dauer nicht gegen unsere natürlichen Lebensgrundlagen anwirtschaften. Dieser Gedanke fehlt aber in der Regel bei den meisten „wissenschaftlich fundierten“ Anlagestrategien.
Ruhe bewahren und achtsam bleiben
Wer diesen Gedanken verinnerlicht hat, befindet sich bereits auf der richtigen Spur und kann auf der Basis eines entsprechend aufgestellten Portfolios Ruhe bewahren. Die Aufforderung, Ruhe zu bewahren ist dabei keineswegs eine Aufforderung zu Sorglosigkeit oder Unachtsamkeit.
Vielmehr geht es darum, die Aufmerksamkeit auf Wesentliches zu richten und sich nicht von jedem Stresssignal zu Kurzschlusshandlungen verleiten zu lassen. Grundsätzlich sollte Geld nicht vorrangig als Wertsteigerungsmittel sondern als Gestaltungsmittel begriffen werden. Unter dieser Maxime können wir auch in der Krise Ruhe bewahren und gleichzeitig achtsam bleiben.