Nach der Wiederwahl von Donald Trump und der Eskalation der geopolitischen Spannungen hatten viele vermutet, dass das Thema Energiewende unter die Räder gerät. Die Realität sieht jedoch anders aus: Die Energiewende transformiert sich. Sie wird nun weniger von Klimaalarmismus getragen, stattdessen gewinnt das Argument Energiesouveränität an Bedeutung. Trotz des politischen Gegenwindes der letzten Jahre setzt sich diese Erkenntnis auch an den Börsen langsam durch. Der Renewable Energy Index ist in den vergangenen 12 Monaten doppelt so stark gestiegen wie der Welt-Aktienindex. Die Energiewende ist nicht am Ende – sie feiert sogar ein neues Comeback. Wir beleuchten die Hintergründe.
Das Trump-Paradoxon
In den Vereinigten Staaten wurde der erneute Amtsantritt von Donald Trump zunächst als brutaler Rückschlag für die Energiewende wahrgenommen. Seine Big-Oil-freundliche Politik und seine klimaskeptische Rhetorik schienen einen Rückschritt anzukündigen. Tatsächlich reagierten die Märkte kontraintuitiv: Aktien im Zusammenhang mit Erneuerbaren Energien haben sich seit seiner Rückkehr an die Macht deutlich erholt und überflügelten zuletzt deutlich den konventionellen Gesamtmarkt.

Dieses Paradoxon basiert weniger auf Ideologie als auf pragmatischen Überlegungen. Der neue US-Haushaltsplan streicht nicht alle Fördermittel für die Energiewende: Er lenkt sie nur auf Technologien um, die von den Vereinigten Staaten stärker beherrscht werden oder als strategisch wichtig für ihre Industrie gelten. Gleichzeitig beschleunigen die USA mit dem Reshoring indirekt die energetische Modernisierung ihrer Produktionsanlagen. Diese neuen industriellen Kapazitäten zeichnen sich durch hohe Energieeffizienz, Elektrifizierung und „saubere“ Technologien aus. Die amerikanische Energiepolitik wird protektionistischer gleichzeitig aber zu einem unerwarteten Hebel für die energetische Modernisierung.
KI treibt den Strombedarf
Der andere große Beschleuniger der Energiewende ist die künstliche Intelligenz. Der massive Ausbau von Rechenzentren führt zu einem spektakulären Anstieg des Strombedarfs. Dieser Druck schafft einen dringenden Bedarf an neuen Erzeugungskapazitäten, aber auch an leistungsfähigeren Netzen. Die am schnellsten einsetzbaren Lösungen – Solarenergie, Batterien, Brennstoffzellen, intelligente Netze – finden damit – auch ohne zusätzliche Förderung – einen sehr großen Markt.
Die großen IT-Konzerne sind Treiber dieser Entwicklung. Google, Meta oder amazon müssen ihre Energieversorgung sichern und sie investieren in effiziente Lösungen, konkret: energieeffizientere Chips und energetisch optimierte Rechenzentren mit möglichst resilienter Energieversorgung. Erneuerbare sind ein positiver Wettbewerbsfaktor, weil andere Energiesysteme nicht schnell genug verfügbar oder noch stärker von funktionierenden Lieferketten abhängig sind.
Energieunabhängigkeit im Fokus
Die Spannungen im Nahen Osten verstärken diese Dynamik noch weiter. Der Konflikt um die Straße von Hormus macht die Abhängigkeit vieler Volkswirtschaften von den globalen Energieflüssen deutlich. Dieses Bewusstsein ist in Asien besonders ausgeprägt, wo Japan und Südkorea ihre Investitionen nicht nur in Kernenergie sondern insbesondere auch in erneuerbare Energien beschleunigen, um ihre Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten zu verringern.
Auch in Europa ist das Thema auf der Tagesordnung. Der Krieg in der Ukraine und die Sanktionspakete haben die Abhängigkeit von Gas ja nicht beseitigt. Die Abhängigkeit wurde nur auf andere Länder verlagert, ohne jedoch das Grundproblem zu lösen: Europa ist in Sachen Energie nach wie vor alles andere als unabhängig.
Die Antwort könnte in einer pragmatischeren Wiederbelebung nationaler Investitionen liegen. Frankreich setzt inzwischen wieder verstärkt auf Wärmepumpen und die Elektrifizierung von Gebäuden. Auch andere europäische Länder versuchen, ihre Autonomie zu stärken. Es geht dabei weniger um Klimaschutz, als darum, die Industriesubstanz zu halten, denn die Kosten und die Verfügbarkeit von Energie bestimmen die Investitionsentscheidungen der Unternehmen.
China behält Vorsprung…und zieht Schwellenländer mit
In dieser sich neu sortierenden Landschaft behält China einen beachtlichen Vorsprung. Seit fünfzehn Jahren hat es die Technologien der Energiewende in den Mittelpunkt seiner indistriellen Entwicklung gestellt. Elektrofahrzeuge, Batterien, Solarmodule, intelligente Netze, kritische Werkstoffe: Peking dominiert heute einen Großteil der globalen Wertschöpfungsketten.
Dieser Vorsprung ermöglicht es dem Land nun, ausgereifte Lösungen in Schwellenländer zu exportieren, insbesondere nach Südostasien, Lateinamerika und Afrika, die von massiven Investitionen profitieren. Nachdem sie ihren heimischen Markt erobert haben, bauen chinesische Konzerne wie BYD Produktionskapazitäten im Ausland auf und erschließen neue Absatzmärkte. Anders als bei den traditionell eher kolonial geprägten Strategien des Westens stehen dabei Win-Win-Lösungen im Vordergrund. Davon profitieren auch andere Schwellenländer.
Strategischer Wandel
Wir haben es also nicht mit einem Ende der Energiewende zu tun. Die Energiewende verändert nur ihren Charakter. Sie wird nicht mehr vorrangig durch ESG-Verpflichtungen vorangetrieben. Sie speist sich aus konkretem Bedarf: mehr Strom produzieren, die Versorgung sichern, die Industrie modernisieren, Abhängigkeiten verringern und wettbewerbsfähig bleiben.
Die Technologien für einen Großteil der Anwendungsbereiche sind bereits vorhanden: Wärmepumpen, Elektrofahrzeuge, Batterien, intelligente Netze, erneuerbare Energien. Auch eine neue Generation von Kernkraftwerken mit besseren Sicherheitskonzepten und deutlich reduziertem Strahlungsmüll könnte mittelfristig eine Rolle spielen.
Die eigentliche Herausforderung ist daher nicht allein technologischer Natur. Sie hängt von der Fähigkeit von Staaten und Unternehmen ab, schnell, massiv und kohärent zu investieren. In diesem Zusammenhang geht es nicht um Infragestellung der Energiewende, sondern eher um anders motivierte Triebkräfte. Die Energiewende ist nicht am Ende: Sie begründet sich nur stärker wirtschaftlich, geopolitisch und strategisch.